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Doge

Bezeichnung des Oberhaupts der oberitalienischen Republiken Venedig (seit 697) und Genua (seit dem 12. Jh.), vom lat. "Dux" (Führer, Herzog) abgeleitet. Die Dogen von Venedig wurden zwar ursprünglich vom Volk gewählt, die Ausübung der Amtswürde beschränkte sich jedoch auf wenige Patrizierfamilien. Der Kampf um den Titel des Dogen der Seerepublik war von einer Kette von Bluttaten und Aufständen begleitet. Der Florentiner Politiker und Geschichtsschreiber Machiavelli stellte fest, dass keine andere italienische Stadt im Mittelalter so unter den Kämpfen der Adelsfamilien zu leiden hatte wie Venedig. Um die absolute Herrschaft des Dogen zu beschränken, wurde 1172 der "Große Rat" gebildet. Die Mitglieder des Rats wurden ursprünglich jährlich gewählt. Eine Änderung im oligarchisch-aristokratischen Sinn trat 1297 ein, als die Zusammensetzung des Großen Rats erblich auf 287 Angehörige der im "Goldenen Buch" verzeichneten Adelsfamilien beschränkt wurde. Der Große Rat wählte den Dogen und seine sechs Räte (Kleiner Rat) sowie ihr Kontrollorgan, die 60 Mitglieder des "Consiglio dei Pregadi" (der spätere Senat). Aus dem "Kleinen Rat" bildete sich die Signorie, die weitreichende politische und richterliche Entscheidungsgewalt besaß. Der Senat und das Volk unterdrückten im 14. Jh. blutig einige Verschwörungen, u.a. die des Dogen Marino Falieri (1355). 
Die frühe Expansion Venedigs als Seemacht (seit etwa 1000 v. Chr.) ist mit dem Namen des ebenso fähigen wie skrupellosen Dogen Enrico Dandolo verbunden. Er nutzte den mit dem Papst geschlossenen Flottentransportvertrag für den 4. Kreuzzug (1202-1204), um die abendländischen Ritter, die ursprünglich ins "Heilige Land" (Jerusalem/Ägypten) ziehen sollten, zur Eroberung und Plünderung Konstantinopels zu veranlassen. Die Kreuzfahrer gründeten 1204 aus den Resten von Byzanz das Lateinische Kaiserreich, das unter dem bestimmenden Einfluss Venedigs stand und sich 57 Jahre halten konnte. Diese Zeit nutzte Venedig nicht nur, um seine Vormachtstellung als Seemacht an der Adria auszubauen, sondern auch, um sie auf die Ägäis und das östliche Mittelmeer auszudehnen. Damit beherrschte Venedig wirtschaftlich und politisch die Levante und war stark genug, gegen die Rivalin Genua 1257 den Kampf aufzunehmen. In dem sich in vier Kriegen über ein Jh. hinziehenden Konflikt sah es lange Zeit nach einer Niederlage für Venedig aus, bis der Choggia-Krieg 1381 für Venedig siegreich beendet werden konnte. Danach wandte sich die Lagunenstadt der Eroberung ihres westlichen Hinterlandes, der sog. "Terra ferma", zu. Die inneritalienischen Einmischungen erforderten ein Landheer, das auf Kosten einer Schwächung der Flotte Venedigs erkauft werden musste. Nach dem Fall Konstantinopels (1463) verschob sich die militärische und politische Lage im östlichen Mittelmeer zugunsten des Osmanischen Reichs.
In der reichen und mächtigen Hafenstadt Genua wechselten die Dogen häufiger als in Venedig, in der Regel alle zwei Jahre. Sie blieben bis 1339 auf Münzen anonym. Die Macht wechselte zuerst zwischen den führenden Familien der Guelfen (Anhänger der Päpste) und den rivalisierenden Ghibellinen (Anhänger der staufischen Kaiser). Die adligen Familien (Grimaldi, Fieschi, Doria, Spinula u.a.) bekämpften sich gegenseitig, sodass in Genua das Volk die Übermacht bekam und im Jahr 1339 den "Volksabt" Simone Boccanegra zum Dogen bestimmte. Dieser hielt sich (mit Unterbrechung) bis zu seiner Vergiftung 1363 an der Macht, eine für die politischen Verhältnisse der Stadtrepublik ungewöhnlich lange Zeit. Seit 1339 können der Münzherr und die Datierung der Genueser Goldmünzen (bis 1415 Genovino, danach Dukaten) an Kennzeichen (Nummerierung, Initialen, Namen) nachvollzogen werden. Aufgrund der sich fortsetzenden inneren Zwistigkeiten wurde die Signorie 1396 an den französischen König übertragen, 1421 ging sie an Mailand über. Es ist verwunderlich, dass die ligurische Hafenstadt ihre führende Stellung (neben Venedig) als Handels- und Seemacht bis ins 15. Jh. behaupten konnte, angesichts der inneren Zwistigkeiten, der äußeren Abhängigkeit (Frankreich, Mailand) und des sich über ein Jh. hinziehenden Kriegs mit Venedig, der 1381 zu Ungunsten Genuas endete. Großen Schaden nahm der Genueser Handel durch den Niedergang von Byzanz und den damit verbundenen Aufstieg des Osmanischen Reichs (1453 Eroberung Byzanz). Mit der Schutzherrschaft durch Andrea Doria, den Admiral des Kaisers Karl V., begann 1528 der Aufstieg der Stadt. Das Amt des Dogen wurde im 2-jährigen Wechsel neu besetzt (bienale Dogen). Mit dem Erbfolgekrieg von Mantua endete 1627 die Blütezeit der Stadt. Frankreich und die habsburgische Großmacht brachten die Stadt in der Folgezeit mehrfach an den Rand der Existenz, bis sie schließlich 1861 endgültig im Königreich Italien aufging.

   

Zecchino des Dogen Ludovico Manin