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Rechenpfennige

Rechenpfennige bezeichnen münzähnliche Marken aus unedlen Metallen, die zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert als Hilfsmittel für das "Rechnen auf den Linien" genutzt wurden. In Österreich und in Süddeutschland nannte man sie Raitpfennige, in den Niederlanden Werpp- oder Legpenninge, in Frankreich Gectoirs oder Jetoirs, später Jetons, in England counters und in Spanien contadores. Sie wurden auf Rechentische, Tücher oder Rechenbretter gelegt und symbolisierten Recheneinheiten nach dem dekadischen System. Das bekannteste aller Rechenbretter ist dabei der Abacus, welcher schon den Römern mit Hilfe von Zählsteinen (Calculi oder Abaculi) das Durchführen aller einfachen Rechenoperationen ermöglichte.

 

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Nürnberger Rechenpfennig o.J. von Wolf Lauffer

 

Es wird vermutet, dass das Rechnen auf den Linien im 13. Jahrhundert durch die Kreuzfahrten über Italien nach West- und Mitteleuropa gelangte. Während sich in Italien rasch andere Rechenmethoden durchsetzten, wanderte das Rechnen auf den Linien vermutlich über die Lombarden nach Frankreich. Dort waren die frühen Gectoirs den echten Münzen manchmal zum Verwechseln ähnlich. Daher versah man die frühen Jetons mit Aufschriften wie zum Beispiel "JE SUIS GECTOIR" oder "JE NE SUIS PAS VRAI AGNEL". Die Jetons wurden in Frankreich als eine Art Gratifikation vom König, allen voran Louis XIV. im 17. Jahrhundert, an die Beamten verschiedener staatlicher Institutionen ausgegeben.

 

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Hessen-Kassel, Rechenpfennig o.J. des Landgrafen Karl (1670-1730)

 

Eine ähnliche Tendenz herrschte zunächst auch im Römisch-Deutschen Reich vor. In der Folgezeit entwickelte sich aber neben den amtlichen Rait- oder Rechenpfennigen, die zuerst in Münzstätten geschlagen wurden, in den alten Handelszentren das Gewerbe der Rechenpfennige. Vor allem die freie Reichsstadt Nürnberg besaß im 16. und 17. Jahrhundert eine Monopolstellung für Rechenpfennige. Einzig in Nürnberg war es einer Zunft von Rechenpfennigmachern erlaubt, die Stücke privat herzustellen. Dadurch verdrängten die Nürnberger Rechenpfennige nicht nur die amtlichen Exemplare aus den Behörden im Römisch-Deutschen Reich, sondern sie wurden auch in viele andere Länder exportiert. Dieser Handel funktionierte meist über die Messeplätze in Frankfurt am Main und Leipzig, wo die Rechenpfennige in großen Mengen an Zwischenhändler aus der ganzen Welt gingen. Schätzungen zufolge sollen mehr als 90% aller erhaltenen Stücke aus Nürnberg stammen.

 

Die Nürnberger Rechenpfennige waren zu Beginn weder signiert noch datiert. Die erste Datierung findet sich im Jahr 1524, während die erste Signatur bereits um 1520 erschien. Ein beliebter Typ des Rechenpfennigs war die zwischen 1500 und 1585 geschlagenen "Venus", welcher auf der Vorderseite die unbekleidete Venus zeigt und auf der Rückseite ein Fantasiewappen. Sogar noch länger hielt sich der Typ "Reichsapfel", der vor allem nach Frankreich exportiert wurde.

 

Die klassische Zeit der Nürnberger Rechenpfennigproduktion lag zwischen 1580 und 1630 und ist unter anderem mit Namen wie Hans Krauwinckel und Kilian Koch verbunden. Viele Stempel stammen außerdem von dem Medailleur Christian Maler. Die Motive sind meist der klassischen Sagenwelt der Griechen oder der Bibel entnommen, wobei zwischen 1630 und dem Ende des 17. Jahrhunderts besonders für Exportstücke nach Frankreich Porträts von Herrschern, Wappen und Allegorien dominierten. Im ausgehenden 17. Jahrhundert flachte die Produktion der Rechenpfennige ab, denn das Rechnen auf den Linien kam außer Gebrauch. Nur noch vereinzelte Schulen benötigten Rechenpfennige und die Stücke verwandelten sich von Gebrauchsgegenständen zu reinen Spielmarken, die noch bis ins 19. Jahrhundert hergestellt wurden.


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