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Rothschild

Privatbankiersfamilie mit Banken in verschiedenen Ländern, die bis zum Ersten Weltkrieg ein "Gesamthaus Rothschild" bildeten. Der Aufstieg des Hauses Rothschild begann, als der Frankfurter Münz-, Antiquitäten-, Textilien- und Wechselhändler Meyer Amschel Rothschild im Jahr 1769 Hoffaktor des reichen Landgrafen von Hessen-Kassel wurde. Im Rahmen seines Sammlergeschäfts brachte er auch Kataloge heraus. Später hatte die Bankiersfamilie Rothschild auch Einfluss auf das Münzwesen, so wurden z.B. nassauische Kronentaler auf Rothschilds Rechnung geprägt. Als bevorzugter Agent in Geldangelegenheiten knüpfte der Gründervater des Hauses Rothschild Geschäftsverbindungen nach London und zum Hof der österreichischen Habsburger. Vom Mainzer Kurfürsten (dem späteren Fürstprimas bzw. Großherzog von Frankfurt Karl Theodor von Dalberg) erreichte er 1811 die Emanzipation der Juden in Frankfurt. Als Meyer Amschel Rothschild bereits 1810 seine Söhne zu Teilhabern machte, nannte er seine Frankfurter Firma "M.A. Rothschild und Söhne", das Stammhaus der Rothschild-Banken auf dem europäischen Kontinent. Bereits im Jahr 1804 hatte sein dritter und fähigster Sohn Nathan in London ein Bankhaus eröffnet, das seit 1811 britische Subsidien an die verbündeten Gegner Napoleons transferierte. Nach dem Tod Meyer Amschels (1812) leitete der älteste Sohn Amschel das Stammhaus in Frankfurt. Sein jüngster Sohn James hatte 1812 bereits eine Filiale in Paris eingerichtet. 
Als Frankfurt im Winter 1813/14 zum Hauptquartier der gegen Napoleon verbündeten Russen, Preußen und Österreicher wurde, kam die Verbindung des Stammhauses mit der österreichischen Regierung und Metternich zustande, der fortan zum wichtigsten Gönner der Rothschilds wurde. Ein Jahr nach dem Sturz Napoleons, im Jahr 1816, eröffnete der zweitälteste Sohn Salomon in Wien eine Zweigstelle. Im selben Jahr wurde die Pariser Firma selbstständig und erfreute sich des Wohlwollens der Bourbonen-Monarchie. Nachdem 1820 österreichische Truppen nach Neapel einrückten, um die dortige Bourbonen-Herrschaft zu stabilisieren, richtete der zweitjüngste Sohn Karl eine Zweigstelle in Neapel ein. Die beiden Zweigstellen wurden 1844 rechtlich selbstständig, das neapolitanische Haus wurde 1863 wieder geschlossen. Nach außen hin waren die als Offene Handelsgesellschaften firmierenden Rothschild-Banken rechtlich unabhängig und den unterschiedlichen privatrechtlichen Vorschriften der fünf Länder unterworfen, in denen sie ihren Standort hatten. Nach innen hin betrachteten die Brüder die Firmen aber als Zweige eines Unternehmens, das die Aufteilung des Geschäftskapitals, die Verteilung der Gewinne und Verluste und die Zusammenarbeit bereits seit 1815 in einem auf drei Jahre befristeten Gesellschaftsvertrag regelte. Nach Ablauf der Frist wurde der Gesellschaftsvertrag entweder unverändert oder mit neuen Bedingungen verlängert. Bei Vertragsabschluss (1815) wurde das Vermögen mit 3,3 Millionen Francs bewertet, drei Jahre später wurde im Gesellschaftsvertrag ein Vermögen von 42,5 Millionen Francs angegeben. Selbst wenn man annimmt, dass 1815 noch offene Posten sehr zurückhaltend bewertet wurden, ist der Gewinnzuwachs in der Kürze der Zeit enorm und bleibt bis heute ungeklärt. Keiner der Brüder durfte vor Ablauf der drei Jahre Gewinn aus den Firmen entnehmen oder private Nebengeschäfte tätigen. Über einen Kurierdienst mussten die Gesellschafter mindestens einmal in der Woche über den Geschäftsgang kommunizieren, jährlich wurden die Bilanzen der Häuser zu einer Gesamtbilanz zusammengefasst. Bis zu seinem Tod 1836 war Nathan der führende Kopf der Rothschild-Banken. Danach gaben James in Paris (bis 1868), Lionel (bis 1879) und Nathaniel (bis zum Ende des Gesamthauses Rothschild 1915) in London den Ton an. Interessen außerhalb der Geschäftssitze wurden über eigene Agenturen (Brüssel, Havanna, Madrid, Mexiko, New York Rom, Turin u.a.) oder über andere Privatbanken (wie das Bankhaus Bleichröder in Berlin) wahrgenommen.
Der Schwerpunkt der Geschäftsaktivitäten lag bis ca. 1850 bei Staatsanleihen und Krediten an große Magnaten, danach kam die Finanzierung der Eisenbahn hinzu und seit ca. 1875 das Engagement in Bergwerken und Industrie. An zwei spektakulären Finanztransaktionen waren die Rothschilds beteiligt: 1. An der vorzeitigen Zahlung der Kriegsentschädigung Frankreichs an das Deutsche Reich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 in Höhe von 5 Milliarden Francs. 2. An dem überraschenden Kauf der Suez-Kanal-Aktien des ägyptischen Khedive durch die britische Regierung (Disraeli).