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Notgeld

Bei Notgeld handelt es sich um Ersatzgeld, das im Falle einer nicht mehr funktionierenden Versorgung der Bevölkerung mit staatlichen Zahlungsmitteln wie Geldscheinen und Münzen eingesetzt wird. Im weiteren Sinn bezeichnet Notgeld die in Kriegs- oder Krisenzeiten, zum Beispiel in belagerten Städten oder Festungen, seit dem Mittelalter ausgegebenen Geldzeichen. Im engeren Sinn umfasst der Begriff die während und nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) im Deutschen Reich in großen Mengen ausgegebenen Münzen und Scheine. Obwohl das Notgeld in Zeiten des Mittelalters zu den älteren historischen Münzen zählt, ist das im 20. Jahrhundert ausgegebene Notgeld und sein Wert ab 1914 für die meisten Sammler von größerem Interesse.

Notgeld in Zeiten des Mittelalters

Seit dem Mittelalter wurden unter bestimmten Umständen, zum Beispiel in belagerten Städten oder Festungen, Geldzeichen wie Belagerungsmünzen, Feldklippen und Klippen als Notgeld ausgegeben. Es wurde oft aus Ersatzstoffen hergestellt, so auch

  • aus Pappe (belagerte Stadt Leiden 1572),
  • aus Tafelgeschirr (Festung Landau 1702) oder
  • aus Glockenbronze während der Französischen Revolution.

Als in Krisenzeiten der Staat den Geldmangel (vor allem an Kleingeld) nicht mehr decken konnte, mussten andere Institutionen einspringen. Die bekanntesten Beispiele für solches Notgeld sind die französischen Monnaies de confiance und vor allem die englischen Token, die in der Regel durch Privatfirmen ausgegeben wurden.

Ein englischer Token als Notgeld im Wert von 1 Pint Milch

Token für 1 Pint Milch der Co-Op. Society aus Goole in Yorkshire

Die Papiergeldinflation Österreich-Ungarns 1848/49 führte zu Kleingeldausgaben von Firmen und Städten. Das Notgeld war vor allem in Böhmen, Ungarn und Teilen Österreichs im Umlauf. In Polen wurde der Aufstand von 1863 durch Notgeldausgaben begleitet. Während des Russisch-Türkischen Kriegs 1877/78 gaben vor allem die Moscheen und Kirchen Notgeld heraus.

Notgeld und sein Wert ab 1914

Erste Welle ab 1914

Durch das Horten von kleinen Silbermünzen und den erhöhten Kleingeldbedarf entstand schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 Kleingeldmangel, vor allem in den Aufmarschgebieten und den angrenzenden Regionen des Deutschen Reichs. Im Innern des Reichs konnte der Mangel noch durch Auflösung von Tresorvorräten der Reichsbank, Darlehenskassenscheine und Neuprägungen behoben werden. In den folgenden Regionen kam es jedoch zu Notgeldausgaben von Städten, Privatfirmen, Gemeinden, Kreisen und Ämtern:

  • Schlesien
  • Posen
  • Westpreußen
  • Westfalen
  • Rheinprovinz
  • Oberelsass (unbesetzt)

Die vom Staat nicht autorisierten und lediglich geduldeten Scheine von Notgeld im Wert von 50 Pfennig bis 5 Mark nannten sich meist „Gutschein“, „Anweisung“, „Spareinlage“, „Garantie-“ oder „Wechselschein“. Da der Staat den Mangel durch Banknoten in kleinen Werten schnell behob, konnten die Notgeldscheine kurz nach ihrer Ausgabe bis auf wenige Ausnahmen wieder eingezogen werden. Obwohl das in kleinen Auflagen hergestellte Notgeld in der Eile mit einfachen Mitteln (handgestempelt und nummeriert) hergestellt wurde, war es schon während des Kriegs in Sammlerkreisen sehr gefragt, sodass es aufgrund der Nachfrage auch zu Nachprägungen beziehungsweise Nachdrucken kam.

Zweite Welle ab 1916

Eine zweite Welle der Notgeldausgabe begann um 1916, wenn auch aus anderen Gründen: Einerseits wurden die kleinen Silbermünzen vermehrt gehortet, denn sie waren mittlerweile über ihren Nominalwert gestiegen, andererseits begann die Einziehung der Nickel- und Kupfermünzen für die Kriegsindustrie. Zwar versuchte der Staat das fehlende Kleingeld durch Neuprägungen aus Aluminium, Eisen und Zink zu ersetzen, konnte den steigenden Bedarf an Kleingeld aber nicht decken, zumal ein Teil in die im Osten eroberten Gebiete abgeflossen war.

So begannen im Jahr 1916 erneut Städte, Gemeinden, Firmen, Institutionen, Sparkassen und Banken mit der Ausgabe von Notmünzen (meist aus Eisen, Zink und Aluminium) und Notscheinen, die zwar ebenfalls einfach, aber sorgfältiger gestaltet waren. Zu dieser Zeit wurde Notgeld im Wert von 1 bis 50 Pfennig ausgegeben. Die Aufschrift weist die vom Staat geduldeten Zahlungsmittel folgendermaßen aus:

  • „Notgeld“
  • „Kriegsgeld“
  • „Notmarke“ oder „-münze“
  • „Geldersatz“
  • „Kleingeldersatzmarke“

Die Drucke der Scheine waren stilvoll mit Stadtwappen oder Firmennamen gestaltet. Die Münzen waren meist rund oder achteckig. Als Münzbilder finden sich zunächst vermehrt Stadtwappen, auch Wahrzeichen, wie zum Beispiel die mittlere Pforte der Porta Nigra auf Notmünzen aus Trier. Notmünzen hatten häufig einen lokalen Bezug, zum Beispiel durch die Darstellung bekannter Persönlichkeiten oder Abbildungen regional wichtiger wirtschaftlicher Erzeugnisse. Notgeld in Marbach (Friedrich Schillers Geburtsort) zierte dessen Kopfbild, während Schuhe und Stiefel als wichtige Handelsprodukte auf die Notmünzen von Pirmasens geprägt wurden. Die Rückseiten der Münzen zeigten meist den Notgeld-Wert.

Dritte Welle ab 1918

Am Ende des Kriegs und in den Nachkriegsjahren begann eine dritte Welle von Notgeldemissionen, die weniger durch den echten Bedarf an Zahlungsmitteln motiviert war, denn der Geldmangel wurde im Laufe der Jahre verstärkt durch staatliche Notgeldausgaben gedeckt. Das stark angestiegene Sammlerinteresse in diesen Jahren schuf eine große Nachfrage.

Rückseite einer Notgeldmünze der Stadt Ahlen im Wert von 50 Pfennig    Vorderseite einer Notgeldmünze der Stadt Ahlen im Wert von 50 Pfennig

Notgeldmünze aus Ahlen

Zu dieser Zeit war das Notgeld viel wert. Die Spekulation mit dem Interesse der Sammler betraf vor allem die Geldscheine: Es wurden ganze Serien von Notgeldscheinen zu immer höheren Nennwerten ausgegeben. Diese Serienscheine waren nicht mehr für den Umlauf, sondern nur für Sammler gedacht. Manchmal besorgten die Herausgeber auch noch selbst den Vertrieb der Banknoten, teilweise waren Serienscheine mit Portogebühren und mit erheblichen Aufschlägen versehen. So muss man „Serienausgaben“ von „Verkehrsausgaben“ unterscheiden. Letztere waren aus echtem Bedarf an Zahlungsmitteln im Umlauf, wie zum Beispiel das Bielefelder Seidengeld.

Ein Notgeldschein der Stadt Flensburg im Wert von 20 Mark

Notgeldschein aus Flensburg

Die Münzen wurden nun auch vernickelt und vermessingt hergestellt, es gab Silber-, manchmal sogar Goldabschläge. Die Prägungen der Gemeinde Thale am Harz (sächsische Provinz) aus dem Jahr 1921/23 in Nennwerten von 5 Pfennig bis 20 Mark sind aus Aluminium, Bronze, Tombak (6 Mark oder Doppeltaler, auch versilbert und vergoldet), mit Goldring am Rand (10 und 20 Mark) und als emaillierte Münzen (5 Mark) ausgegeben worden. Sie zeigen als Münzbilder häufig einen Kater, Wotan, den Wilden Mann, den Sprung über das Bodetal oder den Teufelskopf. 1920/1921 stellte die Staatliche Porzellanmanufaktur in Meißen Notgeld aus Porzellan für mehrere deutsche Städte und Gemeinden her.

Im Jahr 1922 waren einige Bauern nicht bereit, ihre Ernte für das bereits wertlos werdenden Papiergeld zu verkaufen, sondern gaben diese stattdessen nur für Schuldverschreibungen auf Roggen aus. Wenig später wurden Zwischenscheine der Anleihen auf Roggen gedruckt. Darauf folgten Anleihen auf andere Produkte wie Kartoffeln, Bier, Fett, Strom, Wasser, Ziegelsteine und Zündhölzer. Durch den entsprechenden Erlass im Jahr 1923 wurden diese Ausgaben als wertbeständige Notgeldscheine auf Goldmark offiziell genehmigt – unter der Bedingung, dass Teile der wertbeständigen Anleihe des Deutschen Reiches zur Deckung hinterlegt wurden. Schließlich gab es noch wertbeständiges Notgeld, das im Wert an den des Dollars angepasst war.

In der Zeit nach dem Krieg bis 1923/24 griff eine galoppierende Inflation um sich. Diese Hyperinflation machte kleine Notgeldwerte praktisch überflüssig. Es gab noch einmal drei Wellen von Notgeldausgaben (auch Inflationsgeld genannt), am Ende nur noch in Form von Papiergeld im Umlauf, das als Notgeld einen Wert von Hunderttausenden über Milliarden bis hin zu 200 Billionen erreichte.

Das Notgeld hatte rechtlich eigentlich keine Grundlage, denn es widersprach dem Grundsatz der Homogenität des Umlaufgelds. Trotzdem wurde es wegen des Mangels an staatlichem Kleingeld auch nicht verboten. In der Regel versuchte der Staat Missbräuchen auf dem Verwaltungsweg zu begegnen. So verbot Preußen Banken und Sparkassen die Ausgabe von Notgeld und verlangte die Hinterlegung des Gegenwerts. Bayern und Sachsen-Weimar verlangten Sicherheitsgarantien. Sachsen schrieb den Städten und Landkreisen ein einheitliches Muster vor und verbot kleineren Gemeinden die Ausgabe von Notgeld, letzteres allerdings mit wechselndem Erfolg. Kleinere Staaten wie Schwarzburg-Sondershausen und Lippe-Detmold gaben selbst Notgeld heraus.

Rückseite einer Notgeldmünze der Stadt Bremen im Wert von 1 Mark    Vorderseite einer Notgeldmünze der Stadt Bremen im Wert von 1 Mark

Notgeldmünze aus Bremen

Die Notgeldverordnung von 1922 setzte bereits das Notgeld außer Kraft. Unter die Verordnung fiel auch das Inflationsnotgeld, das einige Städte und die Provinz Westfalen herausgaben. Mit der Stabilisierung der Währung 1923/24 durch die Rentenmark verloren auch die Sammler das Interesse. Diese Entwicklung hielt bis in die 60er-Jahre an. Danach erwachte das Interesse der Notgeld-Sammler wieder, nicht zuletzt durch das Erscheinen von Katalogen zu diesem Sammelgebiet deutscher Münzen und Scheine. Notgeld ist im Wert wieder gestiegen: Heutzutage sind vor allem Notgeldscheine als Teil der Papiergeldkunde (Notaphilie) für viele Sammler von währungs-, lokal- und kulturgeschichtlichem Interesse.