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Kirchenstaat

Seit dem 4. Jh. n. Chr. bildete die römisch-christliche Kirche Grundbesitz in Italien, der sich größtenteils aus Schenkungen zusammensetzte (Patrimonium Petri). Ihre Gebietsansprüche begründeten die Päpste im Mittelalter mit einer in der 2. Hälfte des 8. Jh.s entstandenen (gefälschten) Urkunde, wonach der römische Kaiser Konstantin der Große (306-337) dem Papst Silvester I. den Vorrang (Primat) der römischen Kirche über alle Kirchen und die Herrschaft über Rom, Italien und das ganze römische Westreich zuerkannt haben soll (Konstantinische Schenkung). Der Aufbau des Patrimonium Petri war begleitet von der Erklärung des Christentums zur Staatsreligion (391 n. Chr.), den Einfällen der Westgoten, Wandalen, Hunnen, Ostgoten und Langobarden, der Schwächung und schließlich Absetzung des weströmischen Kaisers (476). Bis auf den Dukat von Rom (als byzantinischer Verwaltungsbezirk) verlor die Kirche unter Druck von Byzanz und den Langobarden die Gebiete wieder. Mit der Unterstützung Pippins durch Papst Zacharias (741-752) in den fränkischen Erbstreitigkeiten begann die Verbindung des Papsttums mit den Karolingern. Der Papst erteilte dem fränkischen Herrscher die religiöse Legitimation (Königssalbung), im Gegenzug garantierte Pippin den Schutz der Papst Stephan II. übergebenen Territorien (Pippinsche Schenkung 755/6): Der Ducat von Rom, das Exarchat Ravenna und die Pentapolis (fünf Städte an der Adriaküste) bildeten die Basis des Kirchenstaats. Karl der Große erneuerte die Schutzherrschaft, erweiterte die Gebiete des Kirchenstaates und wurde von Papst Leo III. (795-816) an Weihnachten 800 zum Kaiser gekrönt. Bereits im 9. Jh. forderte Papst Nikolaus I. (858-867) die volle päpstliche Kontrolle über den Kirchenstaat unter Berufung auf die pseudoisidorischen Dekretalen (kanonische Fälschungen aus Reims). Die Schwächung des Papsttums im 10. und 11. Jh. war von dem Verfall des Kirchenstaats begleitet. Die Päpste verloren die politische Macht zeitweilig an italisch-römische Adelsfraktionen (Senatus) bzw. an die römisch-deutschen Kaiser. Das Hochmittelalter war bestimmt vom Kampf um die geistlichen (Sacerdotium) und weltlichen (Imperium) Vormachtsansprüche zwischen König und Papst, der im Investiturstreit (1075-1122) ausgetragen wurde und keinen Sieger hatte. Im 12./13. Jh. erhielt der Kirchenstaat Zuwachs, vor allem durch die Mathildischen Güter der kinderlosen Markgräfin von Tuskien (Toskana). Nach dem Tod Mathildes (1115) waren die Güter ein Jh. lang zwischen Kaiser und Papst umstritten, bis Friedrich II. in der Goldbulle zu Eger (1213) das Recht der Kirche darauf anerkannte. Zur Bildung eines politischen Gegengewichts zum deutschen Kaiser rief der Papst 1265 das Haus Anjou auf den Thron von Neapel. Die französischen Könige entmachteten die Päpste politisch und veranlassten sie zur Übersiedlung nach Avignon („Babylonische Gefangenschaft“, 1309-1377). Nach dem großen abendländischen Schisma (1378-1417), als es gleichzeitig drei Päpste gab, wurde Rom zur Hauptstadt der kirchlichen Besitztümer. Die kirchlichen Gebiete in Italien konnten erst allmählich durch die Päpste Martin V. (1417-1431) und seinen Nachfolger Eugen IV. zurückgewonnen werden. Erst die Renaissance-Päpste Alexander VI. (1492-1503) und Julius II. (1503-1513) konnten einen zusammenhängenden Kirchenstaat gründen. Als sich Papst Clemens VII. (1523-1534) im Streit zwischen Kaiser Karl V. und dem französischen König Franz I. auf die französische Seite stellte, kam es zur Plünderung Roms (Sacco di Roma) durch deutsche und spanische Söldner Kaiser Karls V., die zu erheblichen Einbußen des Kirchenstaats führte. Das Verbot der Weiterbelehnung eines heimgefallenen päpstlichen Lehens durch Pius V. (1566-1572) schuf die Voraussetzung zur Konsolidierung des Kirchenstaates. So konnte Papst Klemens VIII. (1592-1605), der mit Unterstützung des französischen Königs Heinrich IV. ein Gegengewicht zu Spanien schuf, den Kirchenstaat durch Einziehen des päpstlichen Lehens Ferrara vergrößern. Unter Papst Urban VIII. (1623-1644) erreichte der Kirchenstaat seine größte Ausdehnung: Urbino, Sinigalia und Montefeltre fielen 1631 an den Kirchenstaat. Die Besetzung Castros führte zu den beiden Castro-Kriegen (1642-1644 und 1649), die mit der vollständigen Zerstörung der Stadt durch den Papst endete. Die letzte Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser fiel in die Zeit der Spanischen Erbfolgekriege: Mit dem Aussterben der spanischen Linie der Habsburger (1702) versuchten Kaiser Leopold I. (1657-1705) und Josef I. (1705-1711) Reichslehen in Oberitalien einzuziehen, die teilweise auch Papst Klemens XI. (1700-1721) für den Kirchenstaat beanspruchte. Im Frieden von Utrecht (1713) setzten sich die weltlichen Mächte über die päpstlichen Lehensansprüche auf Neapel und Sizilien hinweg. Die aufklärerische Stimmung richtete sich gegen den Kirchenstaat, der in den folgenden Auseinandersetzungen mit den Bourbonen zeitweise Venaissin, Benevent, Pontecorvo und Avignon verlor. Avignon wurde endgültig zu Beginn der Französischen Revolution von Frankreich eingezogen (1797), der Kirchenstaat schließlich 1809 säkularisiert. Die Päpste Pius VI. (1775-1799) und Pius VII. (1800-1823) gerieten in französische Gefangenschaft. Auf dem Wiener Kongress (1815) wurde der Kirchenstaat restauriert. Während den revolutionären Unruhen 1848/9 wurde die Römische Republik ausgerufen, 1849 der Kirchenstaat mit Hilfe französischer Truppen wieder hergestellt. Während der nationalen Einigungsbestrebungen wurde der Kirchenstaat – mit Ausnahme Roms – 1860 dem Königreich Italien angeschlossen. Die französischen Schutztruppen des Papstes verließen während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870 Rom, das zur Hauptstadt Italiens wurde. Der Lateranvertrag von 1929 legte die päpstlichen Territorien auf den Staat Vatikanstadt (Stato della Citta del Vaticano) fest (siehe Vatikanmünzen).

Die Münzgeschichte des Kirchenstaats begann mit der Prägung silberner Denare unter Papst Hadrian I. (772-795), teilweise nach byzantinischem Vorbild, teilweise nach karolingischem Münzfuß. Die folgende 200-jährige päpstliche Prägeperiode besteht aus Denaren, die im Namen der Päpste und der Kaiser geprägt wurden. Zwei Gegenpäpste, Christophorus (903/4) und Bonifatius VII. (974, 984/5), beteiligten sich an der Pfennigprägung. Bis auf die in Capua geprägten Denare von Papst Johannes VIII. (872-882) wurden bisher alle Münzen in Rom hergestellt. Erst seit dem 13. Jh. wurde in Rom wieder geprägt, und zwar vom römischen Senat bis ins 15. Jh. In Viterbo wurden zwischen 1268 und 1271 Sedisvakanzmünzen (Grossi und Denari) geprägt.

Papst Bonifatius VIII. (1294-1303) nahm die Prägung im südfranzösischen Venaissin wieder auf. Seit 1352 prägten die Päpste in Avignon, unter Johannes XXII. (1316-1334) auch in Macerata und Parma, seit Urban V. (1362-1370) auch wieder in Rom. Die Gewichtseinheit (lat. Libra) des Kirchenstaats schwankte – je nach Prägeort – zwischen etwa 320 und 362 g, sodass von einer einheitlichen Prägung des Kirchenstaats nicht zu sprechen ist. Auch die Wertigkeit der Münzen verschob sich schnell. Um 1450 galt der Dukat 10 Grossi papali bzw. 70 Bolognini romani, um 1540 waren es 11 Grossi (Giulii) zu 110 Bolognini piccoli oder Baiocchi. Die päpstlichen Grossi der Neuzeit wurden nach Papst Julius II. (1503-1513) Giulio, benannt (unter seinem Nachfolger Leo X. Leone genannt). Als erste päpstliche Großsilbermünzen gelten zwei Ducati, die 1527 während des Sacco di Roma (Besetzung und Brandschatzung Roms durch die kaiserlichen Truppen) in St. Angelo geschlagen wurden und eigentlich Notmünzen sind. Der nächste Ducato (Ducato da un oncia) wurde unter Papst Gregor XIII. (1572-1585) in der Münzstätte Bologna geprägt. Daher stammt auch der erste silberne Scudo (Anno VIII), den Papst Sixtus V. (1585-1590) prägen ließ, im gleichen Jahr erschienen auch die ersten Piastri (Piaster) 1588 in Rom, Ancona und Montalto.

Die Goldmünzenprägung der Päpste begann unter Johannes XXII. (1316-1334) in Avignon mit einem Floren nach dem Vorbild des florentinischen Fiorino (Johannes der Täufer/Lilie). Es folgte ein päpstlicher Zecchino (Papst sitzend/gekreuzte Schlüssel) unter Innozenz VI. (1352-1362). Zur Zeit des Schismas führte Gegenpapst Clemens VII. (von Genf, 1378-1394) den Ecu d'or ein, dessen Prägung auf Avignon beschränkt blieb und mit Unterbrechungen bis 1664 andauerte. In Rom wurde vor allem der Dukat geprägt, zur Zeit der Renaissance-Päpste begleitet vom Fiorino di camera (zwischen 1475 und 1575) und dem Scudo d'oro. Auch Doppien (Doppia) wurden von den Päpsten beigeschlagen. Im Juni 1866 führte Papst Pius IX. (1846-1878) die Lira-Währung ein, in Entsprechung zur italienischen Lira. 100 Centesimi = 1 Lira.

Die wichtigsten Münzstätten des Kirchenstaats waren: Rom, wo die ersten Münzen unter Hadrian I. (772-779) und die letzten Münzen des Kirchenstaats unter Pius IX. (1846-1878) geschlagen wurden. Die Münzstätte Bologna prägte unter Papst Urban V. (1362-1370) zum ersten Mal für die Päpste und wurde 1861 geschlossen. Avignon prägte unter Papst Clemens V. (1305-1314) bis zu Papst Innozenz XII. (1691-1700), Ancona unter Sixtus IV. (1471-1484) mit Unterbrechungen bis zu Pius VI. (1755-1799), Ravenna unter Leo X. (1513-1521), 1858 geschlossen, Ferrara von Klemens VIII. (1605-1627) bis Benedikt XIV. (1740-1758). Gubbio war die wichtigste Münzstätte für Kupfermünzen (Quattrini und Mezzo Baiocchi) unter Innozenz X. (1644-1655) bis Pius VI. (1755-1799). Außerdem prägten zeitweise - vor allem für die Renaissance-Päpste in der zweiten Hälfte des 15. und der ersten Hälfte des 16. Jh.s - die Münzstätten Camerino, Foligno, Macerata, Mantua, Modena, Parma, Perugia, Piacenza und Spoleto für die päpstlichen Besitzungen. Für Papst Pius VI. (1775-1799) waren 21 Münzstätten tätig, die hauptsächlich vor und während der Napoleonischen Feldzüge in Italien (1796 und 1799) Kupfermünzen prägten: Ancona, Ascoli, Bologna, Civita Vecchia, Fano, Fermo, Ferrara, Foligno, Gubbio, Macerata, Matelica, Montalto, Pergola, Perugia, Ravenna, Ronciglione, San Severino, Spoleto, Terni, Tivoli und Viterbo.

Goldgulden des Papstes Urban V. (1362-1370), geprägt in Avignon    Goldgulden des Papstes Urban V. (1362-1370), geprägt in Avignon

Goldgulden des Papstes Urban V. (1362-1370), geprägt in Avignon

Dukat des Papstes Nikolaus V. (1447-1455), geprägt in Rom    Dukat des Papstes Nikolaus V. (1447-1455), geprägt in Rom

Dukat des Papstes Nikolaus V. (1447-1455), geprägt in Rom

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