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Potlatchobjekte

Indianerstämme an der Nordwestküste Nordamerikas verschenkten während sog. Potlatchfeste Decken, Kleidung und andere Dinge an ihre Gäste oder zerstörten im Rahmen dieses Ritus Kupferplatten, Kanus, Häuser und andere Gegenstände, die als Zahlungsmittel, Besitz- oder Wertgegenstände fungierten. Solche Potlatchfeste, die auch von Tänzen, Gesängen und Reden begleitet waren, wurden bei Heirat, Volljährigkeit oder Herausforderung eines Rivalen veranstaltet. Sie dienten dazu, Rang und Prestige eines Indianers zu begründen oder zu stärken. Die geladenen Gäste veranstalteten im Gegenzug irgendwann ebenfalls Potlatchfeste und versuchten dabei, noch mehr zu verschenken und zu zerstören. Dabei spielte der Besitz eine entscheidende Rolle im Leben dieser Menschen, denn er entschied über Rang und Prestige eines Indianers. Die Potlatchfeste stellten einen Höhepunkt im Leben eines Indianers dar, auch wenn er dabei vorübergehend verarmen konnte. Zu den Stämmen, die solche Feste veranstalteten, zählten u.a. die Bella Coola, Haida, Kwakiutl, Nootka und Tlingit. 
Ein sehr hochrangiges Potlatchobjekt stellten bemalte, schild- oder spatenförmige Kupferplatten dar, deren Größe von etwa 8 cm bis zu einem halben Meter reichen konnte. Obwohl ihr Metallwert gering war, konnten sie mit 10.000 und mehr Decken bewertet werden. Der Wert richtete sich danach, wieviel der Besitzer dafür bezahlt hatte, und stieg bei jedem Besitzerwechsel, sodass das Alter und vor allem die Umlaufgeschwindigkeit die entscheidende Rolle bei der Werterhöhung spielte. Beim Potlatchfest zerstörte oder weggeworfene Kupferplatten konnten von Gästen aufgesammelt werden und durch häufiges Veräußern wieder zu hochwertigen Potlatchobjekten aufsteigen. Andere Wertobjekte stellten Matten, Körbe und Chilkatdecken aus Zedernbast dar, die von Frauen in Handarbeit gefertigt wurden. Sie wurden in wertvollen Kisten aufbewahrt, die Männer gefertigt hatten. Ebenso stellten Kanus und die als Zahlungsmittel dienenden Muschelschalen und die Gehäuse der Dentaliumschnecken Wertgegenstände dar, die praktisch eine Art Währungssystem bildeten. Die Wertobjekte gingen von Hand zu Hand und dienten auch dazu, sich Rechte und Privilegien zu verschaffen. Einen hohen Rang konnte nur das Stammesmitglied erreichen, das große Mengen dieser Wertgegenstände besaß oder gegen Zinsen verliehen hatte. Dabei war ein extrem hoher Zinsfuß von 100% pro Jahr durchaus üblich, der Reichtum des einzelnen wurde also im Wesentlichen nach seinen Außenständen beurteilt. Die Basis für dieses System des Wuchers und der schnellen Wertsteigerung, das auch die Zerstörung der Potlatch-Objekte einschloss, war ein Überfluss an Nahrungsmitteln und ein Reichtum natürlicher Ressourcen.