Das große Münzen-Lexikon

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Notgeld

1. Im weiteren Sinn bezeichnet Notgeld die in Kriegs- oder Krisenzeiten, z.B. in belagerten Städten oder Festungen, seit dem Mittelalter ausgegebenen Geldzeichen, wie z.B.  Belagerungsmünzen,  Feldklippen und  Klippen. Sie wurden oft aus Ersatzstoffen hergestellt, wie Pappe (belagerte Stadt Leiden 1572), Tafelgeschirr (Festung Landau 1702) oder aus Glockenbronze während der Französischen Revolution. Als in Krisenzeiten der Staat den Geldmangel (vor allem an Kleingeld) nicht mehr decken konnte, mussten andere Institutionen einspringen. Die bekanntesten Beispiele für solches Notgeld sind die französischen  Monnaies de confiance und vor allem die englischen  Token, die in der Regel durch Privatfirmen ausgegeben wurden. Die Papiergeldinflation Österreich-Ungarns 1848/49 führte zu Kleingeldausgaben von Firmen und Städten, die vor allem in Böhmen, Ungarn und Teilen Österreichs umliefen. In Polen war der Aufstand von 1863 durch Notgeldausgaben begleitet. Während des Russisch-Türkischen Kriegs 1877/78 gaben vor allem die Moscheen und Kirchen Notgeld heraus. 

2. Im engeren Sinn werden die während und nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) im Deutschen Reich in großen Mengen ausgegebenen Münzen und Scheine als Notgeld bezeichnet. Durch das Horten von kleinen Silbermünzen und den erhöhten Kleingeldbedarf entstand schon zu Beginn des Kriegs Kleingeldmangel, vor allem in den Aufmarschgebieten und den angrenzenden Regionen des Deutschen Reichs. Im Innern des Reichs konnte der Mangel noch durch Auflösung von Tresorvorräten der Reichsbank, Darlehenskassenscheine und Neuprägungen behoben werden, während es in Schlesien, Posen, Westpreußen, Westfalen, der Rheinprovinz und dem (unbesetzten) Oberelsass zu Notgeldausgaben von Städten, Privatfirmen, Gemeinden, Kreisen und Ämtern kam. Die vom Staat nicht autorisierten, lediglich geduldeten Scheine in Werten zwischen 50 Pfennig und 5 Mark nannten sich meist "Gutschein", "Anweisung", "Spareinlage", "Garantie-" oder "Wechselschein". Da der Staat den Mangel durch Banknoten in kleinen Werten schnell behob, konnten die Notgeldscheine kurz nach ihrer Ausgabe bis auf wenige Ausnahmen wieder eingezogen werden. Obwohl das in kleinen Auflagen hergestellte Notgeld in der Eile mit einfachen Mitteln (handgestempelt und nummeriert) hergestellt war, war es schon während des Kriegs in Sammlerkreisen sehr gefragt, sodass es aufgrund der Nachfrage auch zu Nachprägungen bzw. Nachdrucken kam.
Eine zweite Welle der Notgeldausgabe begann um 1916, wenn auch aus anderen Gründen: Einerseits wurden die kleinen Silbermünzen vermehrt gehortet, denn sie waren mittlerweile über ihren Nominalwert gestiegen, andererseits begann die Einziehung der Nickel- und Kupfermünzen für die Kriegsindustrie. Zwar versuchte der Staat das fehlende Kleingeld durch Neuprägungen aus Aluminium, Eisen und Zink zu ersetzen, konnte den steigenden Bedarf an Kleingeld aber nicht decken, zumal ein Teil in die im Osten eroberten Gebiete abgeflossen war. So begannen im Jahr 1916 erneut Städte, Gemeinden, Firmen, Institutionen, Sparkassen und Banken mit der Ausgabe von Notmünzen (meist aus Eisen, Zink und Aluminium) und -scheinen, die zwar ebenfalls einfach, aber sorgfältiger gestaltet waren. Die Aufschrift weist die vom Staat geduldeten Zahlungsmittel als "Not"- oder "Kriegsgeld", "Notmarke" oder "-münze", "Geldersatz" oder "Kleingeldersatzmarke" aus. Sie wurden in Werten zwischen 1 und 50 Pfennig ausgegeben. Die Drucke waren mit Stadtwappen oder Firmennamen stilvoll gestaltet, die Münzen waren meist rund oder achteckig. Als Münzbilder finden sich zunächst häufig Stadtwappen, auch Wahrzeichen, wie z.B. die mittlere Pforte der Porta Nigra auf Notmünzen aus Trier. Sie haben häufig lokalen Bezug, sei es durch Darstellung bekannter Persönlichkeiten, wie das Kopfbild von Friedrich Schiller auf Notgeld aus dessen Geburtsort Marbach oder Abbildungen regional wichtiger wirtschaftlicher Erzeugnisse, wie Schuhe und Stiefel auf Notmünzen von Pirmasens. Die Rs.n tragen meist Wertangaben.
Am Ende des Kriegs und in den Nachkriegsjahren begann eine dritte Welle von Notgeldemissionen, die weniger durch den echten Bedarf an Zahlungsmitteln motiviert war, denn der Geldmangel wurde im Laufe der Jahre verstärkt durch staatliche Notgeldausgaben gedeckt. Das stark angestiegene Sammlerinteresse schuf eine große Nachfrage. Die Spekulation mit dem Interesse der Sammler betraf vor allem die Geldscheine: Es wurden ganze Serien zu immer höheren Nennwerten ausgegeben. Manchmal besorgten die Herausgeber auch noch selbst den Vertrieb, teilweise waren die Serien mit Portogebühren und mit erheblichen Aufschlägen versehen. So muss man "Serienausgaben" von "Verkehrsausgaben" unterscheiden, letztere aus echtem Bedarf an Zahlungsmitteln, wie z.B. das  Bielefelder Seidengeld. Die Münzen wurden nun auch vernickelt und vermessingt hergestellt, es gab Silber-, manchmal sogar Goldabschläge. Die Prägungen der Gemeinde Thale am Harz (sächsische Provinz) aus dem Jahr 1921/23 in Nennwerten von 5 Pfennig bis 20 Mark sind aus  Aluminium,  Bronze,  Tombak (6 Mark oder Doppeltaler, auch versilbert und vergoldet), mit Goldring am Rand (10 und 20 Mark) und als  emaillierte Münzen (5 Mark) ausgegeben worden. Sie zeigen als Münzbilder häufig einen Kater, Wotan, den  Wilden Mann, den Sprung über das Bodetal oder den Teufelskopf. 
Das Notgeld hatte rechtlich eigentlich keine Grundlage, denn es widersprach dem Grundsatz der Homogenität des Umlaufgelds, andererseits wurde es wegen des Mangels an staatlichem Kleingeld auch nicht verboten. In der Regel versuchte der Staat Missbräuchen auf dem Verwaltungsweg zu begegnen. So verbot Preußen Banken und Sparkassen die Ausgabe von Notgeld und verlangte die Hinterlegung des Gegenwerts, ähnlich wie Bayern und Sachsen-Weimar, das Sicherheitsgarantien verlangte. Sachsen schrieb den Städten und Landkreisen ein einheitliches Muster vor und verbot kleineren Gemeinden die Ausgabe von Notgeld, letzteres allerdings mit wechselndem Erfolg. Kleinere Staaten, wie Schwarzburg-Sondershausen und Lippe-Detmold, gaben selbst Notgeld heraus. 
In der Zeit nach dem Krieg (bis 1923/24) griff eine galoppierende Inflation um sich, die kleine Notgeldwerte praktisch überflüssig machte. Es gab noch einmal drei Wellen von Notgeldausgaben (auch Inflationsgeld genannt), am Ende nur noch in Form von Papiergeld, die bis zu Werten von 200 Billionen reichten. Schließlich gab es noch wertbeständiges Notgeld, das sich am Wert des Dollars orientierte. Die Notgeldverordnung von 1922 setzte bereits das Notgeld außer Kraft, darunter fiel auch das Inflationsnotgeld, das einige Städte und die Provinz Westfalen herausgaben. Mit der Stabilisierung der Währung 1923/24 durch die  Rentenmark verloren auch die Sammler das Interesse. Diese Entwicklung hielt an bis in die 60er Jahre, als das Interesse der Notgeld-Sammler wieder erwachte, nicht zuletzt durch das Erscheinen von Katalogen zu diesem Gebiet 

    

    

Notmünzen und Notgeldschein verschiedener Städte

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