Das große Münzen-Lexikon

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Kipper- und Wipperzeit

Zu Beginn des Dreißigjährigen Kriegs 1618 begann in Mitteleuropa (Deutschland, Österreich, Böhmen) eine drastische Münzverschlechterung und Geldkrise, die bis 1623 andauerte. Das Münzelend dieser Zeit war aber schon in einer früheren Entwicklung angelegt. Die  Augsburger Reichsmünzordnungen hatten zwar den gesetzlichen Rahmen für das Gewicht und den Gehalt der Reichsmünzen und deren Kontrolle geschaffen, aber den Münzfuß für die mittleren und kleineren Werte (Groschen, Schillinge, Batzen, Kreuzer, Pfennige und Heller) zu hoch angesetzt. Die höheren Herstellungskosten der Kleinmünzenprägung war nicht ausreichend berücksichtigt worden. Dadurch war die Prägung dieser Werte nicht mehr rentabel. Um durch die Prägung der Kleinmünzen zumindest keinen Verlust zu erleiden, waren viele Münzstände gezwungen, das Silbergewicht der Kleinmünzen schon vor der Jahrhundertwende zu verringern. Diese Entwicklung nahm zu Beginn des 17. Jh.s zu, sodass der Gehalt der meisten Kleinmünzen vor Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs bereits deutlich unter den Bestimmungen lag. 
Mit dem Beginn des Krieges sahen sich die Fürsten zu Rüstungsausgaben gezwungen, die hohe Kosten verursachten. Zur Finanzierung der Kosten und zur Bereicherung gingen sie gingen dazu über, den Silbergehalt der Münzen zunehmend zu verschlechtern. Im Herzogtum Braunschweig sank der Silbergehalt des Groschens bereits 1619 auf weniger als 50% des vorgeschriebenen Gehalts ab, ein Jahr später betrug er nur noch ein Drittel. Außerdem stellte man minderwertige  Schreckenberger (12-Kreuzer-Stücke) her, die bald nur noch als weißgesottene Kupfermünzen ausgegeben wurden. Um ihre Herkunft zu verschleiern, wurden sie mit gottesfürchtigen Sprüchen beschriftet und waren teilweise mit Phantasiewappen versehen. Die seit 1621 geschlagenen  Flitter zu 2 Pfennigen wurden als 1-, 2-, 3- und 6-Flitter-Stücke in reinem Kupfer ausgegeben. Fast alle Fürsten beteiligten sich an der Ausgabe minderwertigen Geldes. Das Kipperunwesen erfasste u.a. Sachsen, Brandenburg, Schlesien, Anhalt, Bayern und Hessen. Sogar die Handelsstädte, die immer um eine gute Münze bemüht waren, sahen sich gezwungen, Kippermünzen zu prägen. Der Kaiser, der mit der Prägung unterwertiger Münzen begonnen hatte, verpachtete 1622 die gesamte Habsburger Münzprägung in Österreich, Böhmen und Mähren an ein Konsortium (darunter Albrecht von Wallenstein). Die Pacht brachte dem Kaiser noch im selben Jahr 6 Mill. Gulden ein, aber es folgte eine Unmenge schlechter Münzen in den habsburgischen Gebieten. Die Münzstätten kleinerer Staaten ahmten die ohnehin schon unterwertigen Münzen anderer Staaten in noch schlechterer Qualität nach und exportierten sie in die entsprechenden Gebiete. Überall im Reich entstanden Münzstätten, darunter auch illegale  Heckenmünzen, die guthaltige Münzen einschmolzen und das Münzmetall mit Kupfer streckten, sodass die neu geprägten Münzen in Gehalt und Gewicht immer unterwertiger ausgebracht wurden. Das benötigte Kupfer wurde durch Einschmelzen von Kupfergeräten, Pfannen usw. gewonnen. Die guthaltigen Münzen wurden von Agenten, Händlern und Geldwechslern aufgekauft und zum Einschmelzen in die Münzstätten gebracht. Um die guten von den schlechten Münzen zu unterscheiden, benutzten sie "Wippen" (zweiseitige Waagen), mit deren Hilfe sie die guten Münzen "kippten" (aussonderten). Das gab der Kipper- und Wipperzeit den Namen. 
Anfangs verkaufte die Bevölkerung gern ihre ersparten alten Münzen, denn sie bekamen nominell einen höheren Wert zurück, allerdings in Kippermünzen. Nach und nach wurden die nach dem alten Münzfuß geprägten Münzen immer knapper, stiegen beträchtlich im Kurs und waren sehr begehrt. Der Wert der immer schlechter ausgegebenen Kippermünzen, die auf dem Höhepunkt der Kipperzeit nur noch in Kupfer ausgegeben wurden, fiel ständig, bis sie niemand mehr annehmen wollte. 
Zwar brachte die gestiegene Geldmenge kurzfristig eine wirtschaftliche Scheinblüte, doch bald stockten Handel und Produktion und die Entwicklung mündete in eine  Inflation. Es kam zu drastischen Preissteigerungen, vor allem die Festbesoldeten (z.B. Lehrer), Renten- und Zinsempfänger waren durch diese Entwicklung benachteiligt. Für manche zuvor wohlhabende Bürger reichten die Bezüge zur Bestreitung der Lebenshaltungskosten nicht mehr aus. Als die Händler, Handwerker und Bauern sich weigerten, ihre Dienste und Waren gegen Bezahlung mit kupfernen Kippermünzen abzugeben, kam es 1622/23 zu Unruhen und Tumulten der notleidenden und hungernden Bevölkerung, vor allem in den Städten. Außerdem gelangten die Kippermünzen nun in Form von Steuern und Abgaben in die landesherrlichen Kassen, sodass auch für diese kein Münzgewinn mehr zu erzielen war. Die Münzherren gingen 1622/23 überwiegend wieder zur Herstellung guten Geldes über. Es kam zu Prozessen gegen Münzpächter und Aufkäufer und zur Zerstörung von Heckenmünzstätten. Die Kippermünzen wurden verrufen, entsprechend ihres Metallwertes abgewertet und teilweise eingezogen. Die Kippermünzen sind heute relativ selten geworden und viele sind nur in wenigen Exemplaren erhalten geblieben.
In der 2. Hälfte des 17. Jh.s kam es noch einmal zu Münzverschlechterungen, die als 2. Kipperzeit bezeichnet wird. Diese erreichte allerdings bei weitem nicht das Ausmaß der Kipper- und Wipperzeit von 1618 bis 1623. Die Grafen Sayn-Wittgenstein, aber auch andere Münzstände (u.a. Schwarzburg-Sondershausen, Mansfeld-Eisleben und Sachsen-Coburg) prägten unterwertige  Zweidritteltaler (Gulden), 6 Mariengroschen und Zwölfteltaler. (Diese unterwertigen Münzen werden aber nicht als Kippermünzen bezeichnet). Der  Zinnaische Münzfuß (10 1/2-Taler-Fuß) konnte nicht aufrechterhalten werden, so dass sich Kursachsen, Kurbrandenburg und das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg 1690 auf den Leipziger Fuß (12-Taler-Fuß) einigten. Die alten und neu entstandenen Heckenmünzen, die der Prägung unterwertiger Münzen dienten, wurden geschlossen und diesmal für immer zerstört.

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    Diese Münzen und Informationen finden Sie hier:  Unser Lexikon numismatischer Fachbegriffe

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